Als die Stadt meine Me-Time wurde

Wer kennt es nicht? Man kommt von der Arbeit nach Hause und genehmigt sich erstmal ordentlich Me-Time. Es wird die Lieblingsserie geguckt, ein Bad genommen, oder was zu Essen bestellt. Nach einem anstrengenden Tag möchte ich am liebsten erstmal nicht angesprochen werden, im Home-Office verliert Me-Time jedoch seinen Charme. Ich vermisse auf einmal die Frage danach, wie denn mein Tag gewesen sei, während ich noch dabei bin, mir die Schuhe und den Tag abzustreifen.

Plötzlich vermisst man Vieles, was man vorher maximal geduldet hat.

Wenn mir vor ein paar Monaten jemand gesagt hätte, dass ich sogar meinen unruhigen Arbeitsweg durch die Stadt vermissen würde, hätte ich laut gelacht. Ein paar Monate später sitze ich jedoch bei mir im Home-Office und fülle meine Mittagspause lieber bei einem Spaziergang mit einem Hauch von Stadthektik, als meinen Bauch mit was zu Essen. Immer öfter gehe ich nun spazieren, um ein bisschen Stadtstaub einzufangen.

Was man vermisst ist nicht etwa der vollgestopfte Bus, der morgens durch die Wolke von dem frisch aufgetragenem Parfüm an einem Dutzend Coffee to Go Träger fast abhebt. Es ist das Ankommen an einem Arbeitsplatz, der einen braucht, und das Verlassen von eben diesem, wenn man nicht mehr gebraucht werden kann. Eine dynamische Routine bedeutet Vitalität, das ist schwierig zu erlangen, wenn man theoretisch vom Bett aus arbeiten kann.

Aber heute ist alles anders. Ich komme von einem dieser Spaziergänge und streife mir mal das Vermissen ab. Nach der Arbeit spreche ich in der We-Time mit meinen Freunden, und dann bestelle ich mir was zu essen, weil Stadtstaub nicht so gut schmeckt, wie Pizza extra Käse.

Und wie war dein Tag?